Warum unsere Matte eigentlich eine Bushaltestelle ist, wieso Yoga überall anders (aber immer nach Joghurt) schmeckt und in wessen Wohnzimmer die meisten Matten ausgerollt wurden, erklärt der renommierte Ashtanga-Lehrer, Sportmediziner und Gründer der AYI-Methode Dr. Ronald Steiner.

MY MAT & ME: Ashtanga gilt als yogische Königsdisziplin – welche ist die schwierigste Asana?

Dr. Ronald Steiner: Der Legende nach gibt es 8.400.000 verschiedene Yoga-Positionen. Wie soll man da entscheiden, welche die schwierigste ist? Vielleicht aber ist nicht eine Asana, sondern ein Schritt der schwierigste Part: Nämlich derjenige, der uns von neben-der-Matte auf die Matte führt. Unsere erste Yoga-Stunde und jeden Tag aufs Neue der Beginn unserer Praxis.

MY MAT & ME: Das hört sich nach einer guten Ausrede an, gar nicht erst zu beginnen…

Dr. Ronald Steiner: Ist es aber nicht. Schon Krishnamacharya sagte, dass jeder Mensch Yoga üben kann, solange er atmen kann. Das Wichtigste im Ashtanga ist die Atmung, alles andere ist nur Verzierung. Stehen wir also erstmal auf der Yogamatte, kann nicht mehr viel schief gehen. Wir praktizieren bereits, wenn wir achtsam atmen.

Stehen wir erstmal auf der Yogamatte, kann nicht mehr viel schief gehen

MY MAT & ME: Das soll reichen?

Dr. Ronald Steiner: Auch mein Lehrer, Pattabhi Jois, war überzeugt, dass alle Yoga üben können. Mit einer Einschränkung: nur faule Menschen nicht. Klar, die schaffen es nicht zu diesem ersten Schritt auf ihre Yogamatte. Meine eigene Definition: Geübt habe ich, wenn ich mit beiden Füßen zumindest für einige Atemzüge auf eben dieser stand. Mit diesem Gedanken hat man immer genügend Kraft und Zeit zu praktizieren.

MY MAT & ME: Und wann darf man sich den Schritt auf die Matte dann doch schenken?

Dr. Ronald Steiner: Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich nach dem Yoga gedacht habe, es wäre besser gewesen nicht zu praktizieren. Aber ich kann mich an viele Tage erinnern, an denen ich gedacht habe: Schade, ich habe meine Chance auf eine Praxis verpasst. Wann immer ich mir die Frage stelle, ob heute eine Praxis möglich ist, stelle ich mich auf die Matte und probiere es aus. Denn wer möchte schon gerne, dass der Bus vor der Nase wegfährt?

MY MAT & ME: Ups, welcher Bus?

Dr. Ronald Steiner: Immer wenn ich etwas tue, hinterlasse ich einen Fingerabdruck im Universum. Jedes Sonnengebet hinterlässt eine Spur im Energiefeld der Welt. Alle Sonnengrüße gemeinsam oder alle Yogis zusammen hinterlassen größere Spuren. Die Praxis ist schon vorhanden als energetisches Muster, das durch all die Yogis vor mir aufgebaut wurde. Und ich klinke mich in dieses unglaubliche Energiefeld ein. Ich stelle mich auf meine Yogamatte wie an eine Bushaltestelle, der Ashtanga-Bus kommt vorbei und trägt mich durch die Praxis. Der Atem ist da, die Bewegung ist da, alles ist bereits vorhanden.

Morgens ab 4:30 Uhr standen die Yogis bereits Schlange vor der Haustür

MY MAT & ME: Du selber bist noch bei Pattabhi Jois – dem 2009 verstorbenen Godfather of Ashtanga – in den Bus eingestiegen. War der nicht rappelvoll?

Dr. Ronald Steiner: Natürlich. Bis 2003 hat Pattabhi Jois in seinem Wohnzimmer bzw. in den späteren Jahren in einem angebauten kleinen Raum unterrichtet. Da passten nur eine Handvoll Menschen rein. Morgens ab 4:30 Uhr standen die Yogis bereits Schlange vor der Haustür und die wenigen Plätze waren ständig gefüllt. Kam einer raus, ging der nächste rein. Der Andrang wurde über die Jahre immer größer. 2003 unterrichtete Pattabhi Jois so fast den ganzen Tag ununterbrochen. Dann kam der Umzug in eine neue große Yoga-Shala. Hier konnten über 70 Yogis gleichzeitig praktizieren. Teilweise übten hier pro Tag über 200 Menschen Yoga.

MY MAT & ME: Warum gab es so einen Hype um das Jois’sche Wohnzimmer?

Dr. Ronald Steiner: Pattabhi Jois war 1927 bis 1948 in Mysore ein Schüler von Krishnamacharya – zusammen mit B.K.S. Iyengar und B.N.S. Iyengar. B.K.S. Iyengar ging als Lehrer nach Puna, Pattabhi Jois hat die Lehrtradition in Mysore übernommen. Das Problem: Er war Shiva-Brahmane und der Unterrichts-Ort war ein Vishnu-Tempel. Also hat Pattabhi Jois dann einfach in seinem Wohnzimmer unterrichtet und B.N.S. Iyengar hat den Job im Tempel übernommen.

MY MAT & ME: Insbesondere Nicht-Inder haben ihm die Tür eingerannt…

Dr. Ronald Steiner: Ja, aber nicht, weil er in seinem Wohnzimmer unterrichtete. 1964 kam Andre van Lysbeth, der später das Buch „Pranayama“ geschrieben hat, als erster westlicher Schüler nach Mysore zu Pattabhi. In seinem Buch war ein Foto von Pattabhi Jois mit seiner Adresse abgebildet. Das war wohl der Grund, warum so viele Westler zu ihm gepilgert sind.

MY MAT & ME: Und die haben Ashtanga-Yoga dann aus Indien in die USA „exportiert“?

Dr. Ronald Steiner: In den 70ern kamen die ersten Amerikaner – wir könnten sagen: Hippies. Als erster hat Norman Allen bei Pattabhi Jois gelernt und seinen Freunden David Williams und Nancy Gilgoff davon erzählt und sie begeistert. Langsam kam Ashtanga so in den USA an und die US-Yogis sind daraufhin zu Pattabhi Jois nach Indien gereist. Schließlich schickte man die Schüler zum eigenen Lehrer, wenn diese mehr lernen wollen.

Für mich ist Ashtanga wie Joghurt-Ferment – gebe ich es in Milch, entsteht Joghurt

MY MAT & ME: Klar! Da gibt’s das originale Yoga made in India…

Dr. Ronald Steiner: Für mich ist Ashtanga wie Joghurt-Ferment – gebe ich es in Milch, entsteht Joghurt. Das kann ich in Deutschland, in Indien, in den USA machen. Überall entsteht Joghurt. Aber: Der schmeckt immer wieder überraschend anders, weil die Milch immer wieder eine andere ist. Trotzdem bleibt es Ashtanga-Yoga, weil das Ferment dasselbe bleibt: die pure Essenz des Ashtanga.

MY MAT & ME: Was ist das Essentielle des Ashtanga?

Dr. Ronald Steiner: Im Grunde genommen die gleiche Essenz, die auch in allen anderen Traditionslinien des Yoga steckt. Das Ziel der Praxis ist es, unseren wahren Wesenskern zu erfahren. Wir üben täglich an denselben mit dem Atem verbundenen Bewegungen. Mit der Zeit entsteht so eine dynamische Meditation. Wir schreiten vom Groben zum Feinen voran, bis wir schließlich unsere wahre Essenz, die Essenz des Lebendigen, erfahren.

MY MAT & ME: Und dafür brauchen wir diese – pardon – atemberaubenden Verrenkungen?

Dr. Ronald Steiner: Zunächst sind die Bewegungsfolgen relativ leicht. Wer hier unterfordert ist, der trifft auf herausforderndere Übungen. Denn der Mensch kann nur an Aufgaben lernen und wachsen. So wird eine neue für uns unmögliche Position zu einem effektiveren Lernfeld. Wenn eine Übung zu leicht wird, hat sie keine Herausforderung und wir lernen nichts.

MY MAT & ME: Unmögliche Position? Also doch Verrenkungen, die uns den Atem rauben oder womöglich Rückenweh bescheren?

Dr. Ronald Steiner: Das kommt ganz darauf an, wie wir üben. Viele Studien zeigen, wie gesund Training ist – und Training beginnt dort, wo unser Komfortbereich endet. Praktizieren wir regelmäßig auf diese Weise, passen sich unser Herz-Kreislauf-System und unser gesamter Bewegungsapparat an die Herausforderung an. Die einzige Frage: Ist diese physische Veränderung ein Schritt zu mehr Gesundheit oder ein Schritt zur Verletzung? Genau hier liegt der Schwerpunkt der von mir gegründeten AYI-Methode: Sie ermöglicht es dank moderner bewegungsphysiologischer Gesichtspunkte, einen Weg in Richtung Gesundheit zu gehen. So wird aus der Anpassungsreaktion, die der Herausforderung folgt, ein Schritt zu mehr Wohlbefinden.

AYI erinnert daran, dass jede Tradition lebendig bleiben soll

MY MAT & ME: Was genau ist die AYI-Methode – ein neuer Yogastil?

Dr. Ronald Steiner: Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, unterrichte ich unter dem Namen AYI – das steht für Ashtanga Yoga Innovation. Es erinnert daran, dass jede Tradition lebendig bleiben soll. Diese natürliche Innovation besaß der Unterricht von Sri K. Pattabhi Jois und B.N.S Iyengar, also wie ich Ashtanga Yoga erlebte, schon immer. Leider vergessen das viele westliche Übende. Sie versuchen, eine Praxis zu konservieren, die vor 30 oder sogar 50 Jahren einmal innovativ war. Die AYI-Methode integriert moderne Erkenntnisse aus Medizin, Bewegungslehre, Psychologie und Physiotherapie. Insbesondere therapeutische Fragestellungen können individuell in der Yogapraxis angegangen werden. Gerade Einsteiger profitieren von dieser modernen Sicht auf den Yoga enorm.

MY MAT & ME: Moment mal, wie passt das damit zusammen, dass angeblich jeder Mensch Yoga üben kann?

Dr. Ronald Steiner: Ganz einfach. Was herausfordernd ist, ist individuell verschieden. Ich unterrichte 80-jährige genauso wie Teenager. In der Essenz üben alle das gleiche. Die AYI-Methode ermöglicht es jedem, in einer für ihn angemessenen Form zu praktizieren. So wie ein Musikstück von verschiedenen Instrumenten wiedergegeben werden kann. Jedes Instrument gibt dem Stück einen neuen Klang. Die Grundessenz und Schönheit kommt durch jedes neue Instrument auf wunderbare und einzigartige Weise zum Ausdruck.

MY MAT & ME: Damit wären wir wieder bei der Essenz – mehr Lebendigkeit…

Dr. Ronald Steiner: Genau! Das bedeutet für mich: Wir möchten uns körperlich, energetisch, emotional und mental auf die Essenz des Lebens in uns ausrichten. Damit ist Yoga auch Therapie.

Mit Yoga-Ferment und dem menschlichen Körper kennt sich Dr. Ronald Steiner bestens aus: Er ist Arzt, Sportmediziner und einer der prominentesten Yogalehrer in Deutschland. Er zählt zu den wenigen ganz traditionell von den indischen Meistern Sri K. Pattabhi Jois und B.N.S Iyengar autorisierten Yogalehrern. Die von ihm begründete AYI-Methode steht für eine authentische aber zugleich lebendige Tradition. Dadurch entsteht eine für den Einzelnen maßgeschneiderte, sehr persönliche Yogapraxis – von therapeutisch-präventiv bis hin zu sportlich-akrobatisch. Mehr über Dr. Ronald Steiner, die AYI-Methode und die modulare Aus- und Weiterbildung für Yogalehrer sowie Yogatherapie gibt’s unter www.ashtangayoga.info.

Fotos: Axel Hebenstreit | www.lichtseelen.com & Gabriel Aszalos

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