Patanjali-Interview: Yoga schmeißt das mentale Gerümpel raus

Die Yoga-Sutren sind ein Klassiker der Weltliteratur – sie wurden vor rund 2.000 Jahren von einem Weisen namens Patanjali geschrieben. Wir haben trotzdem ein Exklusiv-Interview mit dem Begründer der Yoga-Philosophie ergattert. Zumindest hätte es so ablaufen können…

MY MAT & ME: Herr Patanjali, Sie haben einen Welt-Bestseller geschrieben – die Yoga-Sutren wurden inzwischen weltweit millionenfach gelesen. Wie ist das möglich ganz ohne Marketing oder PR-Berater?

Patanjali: Oh, in Indien ist mein Werk schon seit über 2.000 Jahren auf dem Buchmarkt und alle paar Jahrzehnte hat sich irgendein Gelehrter, Philosoph oder König berufen gefühlt, einen Kommentar dazu abzugeben. Bis zum 18. Jahrhundert waren’s immerhin 15 Kommentare und sogar eine Übersetzung ins Arabische. Und Sie wissen doch: Empfiehlt ein Promi ein Buch, ist das die beste PR, die man kriegen kann.

MY MAT & ME: Inzwischen sind Sie selber eine prominente Persönlichkeit – Ihr Buch wird auf der ganzen Welt gelesen…

Patanjali: Ja, mittlerweile gibt’s die Yoga-Sutren in allen möglichen Sprachen und ich werde in sämtlichen Yogaschulen der Welt zitiert. Habe ich zumindest gehört.

Rund 2.000 Jahre auf dem Buchmarkt

MY MAT & ME: Apropos Zitate – welches Sutra ist Ihnen persönlich am liebsten?

Patanjali: Sie stellen Fragen! Ich habe 195 Sanskrit-Sutren geschrieben. Mein Lieblings-Vers? Vielleicht dieser – zumindest ist er DAS grundlegende Sutra: yogas citta vritti nirodhah. Dieses kleine Sätzlein umschreibt quasi die Essenz meines Buches: Man soll seinen Geist zur Ruhe bringen – nirodha genannt – um die Welt rundherum ein wenig klarer zu sehen.

MY MAT & ME: Ohne zu viel aus Ihrem Buch verraten zu wollen – können Sie das bitte näher erläutern?

Patanjali: Wir haben alle unsere Cittas – nämlich Erfahrungen, Erlerntes, Erinnerungen. Ohne die würde uns die permanente Informationsflut rammdösig machen – macht’s ja tatsächlich auch einige. Unser Geist trickst die Realität aus und fischt sich aus den Infos das heraus, was er schon kennt – das nenne ich vritti. Alles andere wird schlichtweg ausgeblendet. Und dann glauben wir tatsächlich, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit entspricht. Dabei sehen wir durch unsere Erfahrungs-Brille nur ein selbst verursachtes Zerrbild.

Yoga rückt die VER-RÜCKTE Sicht zurecht und schmeißt mentales Gerümpel raus

MY MAT & ME: Und mit Yoga – also yogas in Ihrem Sutra – können wir dieses Bild entzerren?

Patanjali: Selbstverständlich! Yoga rückt diese VER-RÜCKTE Sicht wieder zurecht und schmeißt das mentale Gerümpel raus. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem riesigen Schuhkarton. Ohne diesen Schuhkarton zu erkennen. Nun beginnen Sie mit Yoga, meditieren vielleicht ein wenig und schulen dadurch Ihre Achtsamkeit für die Dinge, die Sie bislang nicht wahrgenommen haben. Sie werden nicht nur feinfühliger für Ihr eigenes Selbst, Stimmungen, Situationen und Ihre Mitmenschen, sondern sehen plötzlich auch den Schuhkarton. Und die Grenzen, die er Ihnen setzt. Aber auch den Deckel, den Sie öffnen können, um Ihre Welt ein wenig größer zu machen.

MY MAT & ME: Und diese große Welt entdecken wir auf dem Quadratmeterchen unserer Matte?

Patanjali: Wer möchte, kann Yoga natürlich als ein rein körperliches Training betreiben und seine kleine Welt eine kleine Welt sein lassen. Der verpasst aber eine zeitlose Lebensphilosophie, die zwar aus dem Altertum stammt, aber den heutigen Menschen in seinem Innersten trifft. Weil sie ihn persönlich BE-TRIFFT. Die Yoga-Sutren liefern vor allem ein Workout für den großen Muskel zwischen den Ohren. Und nebenbei bemerkt: In den Sutren beschreibe ich keine einzige der heutigen Asanas – die haben andere später meiner Philosophie hinzugefügt.

MY MAT & ME: Yoga ohne Asanas?

Patanjali: Zu meiner Zeit bestand die Yogapraxis aus Stillsitzen und In-sich-Einkehren. Damals war Yoga einer kleinen Gruppe von abgedrehten Asketen und ohnehin nur Männern vorbehalten. Das heutige Yoga-Marketing ist da viel pfiffiger: Da wird Yoga als Training für Körper, Geist und Seele gepriesen und prompt strömt die weibliche Kundschaft auf die Matte. Zu meiner Zeit gab’s solche ausgebufften Marketing-Strategien noch nicht.

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