Für Yoga brauchen wir eine Matte, den Freigeist, Neues auf dem Quadratmeter unter unseren Füßen zu entdecken und den Mut, uns selber dabei zu begegnen. Doch was braucht man, wenn man Yogalehrer werden möchte? Wir haben bei Spirit-Gründerin Patricia Thielemann, die selber Yogalehrer ausbildet, nachgefragt. Das Ergebnis: Eine Matte, Freigeistigkeit und Mut sind schon mal sinnvoll…

MY MAT & ME: Patricia, was sind die drei unverzichtbaren Must-haves für einen Yogalehrer?

Patricia Thielemann: Ein guter Yogalehrer oder eine gute Yogalehrerin sollte vor allem Führungsqualitäten mitbringen, ein ausgeprägtes Feingefühl besitzen und die Fähigkeit haben, sich komplett zurückzunehmen, um den Schülern Raum für ihre eigenen Erfahrungen zu bieten.

MY MAT & ME: Also das ganze Gegenteil von einem Guru, der eher im Vordergrund steht?

Patricia Thielemann: Genau. Wir brauchen keinen Guru im herkömmlichen Sinn, der seine Übungen auf eine bestimmte Art und Weise vorschreibt, die seit womöglich 100 Jahren immer gleich sind. Ich denke, dass im Westen eine ernstzunehmende Entwicklung stattgefunden hat und Yoga hier über die Jahre eine eigene Identität bekommen hat. Wer mit Yoga beginnt, hat vielleicht noch die Vorstellung, dass das Gras grüner auf der anderen Seite ist. Natürlich sind die Bilder und die Geschichten, die aus Indien kommen, beeindruckend. Das heißt aber noch lange nicht, dass die indische Yogapraxis den Menschen hier das vermittelt, was ihnen wirklich auch im Alltag hilft.

Wer mit Yoga beginnt, hat vielleicht noch die Vorstellung, dass das Gras grüner auf der anderen Seite ist

MY MAT & ME: Ups, sollte sich ein Anti-Guru-Yogalehrer etwa vom alten Wissen verabschieden?

Patricia Thielemann: Nein, er sollte sich mit der alten Kultur und den Traditionen des Yogas unbedingt auseinandergesetzt haben und sie verstehen. Aber er sollte sie nicht nachplappern, sondern die passenden Aspekte adaptieren und ins Jetzt und Hier übertragen.

MY MAT & ME: Wäre das vierte Must-have also eine große Portion Freigeist?

Patricia Thielemann: Ja, ein gewisser Freiraum muss möglich sein, um die Schüler nicht einzuengen. Das Motto darf aber auch kein „anything goes“ sein – dadurch können unnötige Verletzungen insbesondere an den Schwachstellen im unteren Rücken, an den Schultern, im Nacken, in den Knien oder Hüften entstehen. Bei Beschwerden hoffen die Schüler darauf, dass es besser wird durch die Yogapraxis, aber ohne gezielte Stärkung und die nötige Achtsamkeit wird es oft sogar schlimmer.

MY MAT & ME: Apropos Verletzungen: Viele Yogis betreiben Ihre Praxis regelrecht als Sport – ist das noch gesund?

Patricia Thielemann: Nicht unbedingt, auch wenn die Anstrengung als positiv erlebt wird. Manche Yogaschüler sind beeindruckt, wenn sie beim Yoga nicht nur auf dem Boden liegen und Om singen sollen, sondern sich womöglich noch zu Tschakka-Musik auspowern dürfen.

MY MAT & ME: Klingt doch prima – was soll daran nicht gut sein?

Patricia Thielemann: Solch eine Yogapraxis passt hervorragend in unsere Gesellschaft, funktioniert aber nicht für unser Nervensystem – das flippt noch mehr aus. Wir brauchen einen gesunden Mittelweg zwischen schillernder Dynamik und zentrierender Stille. Also einerseits Inspiration, andererseits eine Gegenbewegung, die der sich immer schneller drehenden Welt voller Reize etwas entgegensetzt. Das ist über Tschakka-Tschakka nur schwerlich erreichbar – wir sollten vielmehr in Einklang mit uns selber kommen.

Wir brauchen einen gesunden Mittelweg zwischen schillernder Dynamik und zentrierender Stille

MY MAT & ME: Was steht außer dem Tschakka-Ding noch auf der Don’t-Liste eines Yogalehrers?

Patricia Thielemann: Heilsversprechen und banale Küchenweisheiten. Die verzerren das körperliche Yoga nur. Yoga soll die richtigen Fragen aufwerfen, anstatt zu viele Antworten zu liefern.

MY MAT & ME: Aber viele Menschen suchen doch auf der Matte gerade Antworten auf ihre Fragen…

Patricia Thielemann: Die sollen sie auch bekommen – aber nicht vom Yogalehrer. Der sollte Respekt vor der Intelligenz seiner Schüler haben. Die meisten Menschen, die in der heutigen Zeit Yoga machen, stehen mit beiden Beinen im Leben und setzen sich ohnehin mit den Sinnfragen des Lebens auseinander. Es ist anmaßend, wenn ein Yogalehrer diesen Menschen fertige Lösungen anbietet. Viel wirksamer ist es, wenn der Yogalehrer eine Vorbildfunktion einnimmt. Das setzt natürlich voraus, dass er in der Lage ist, das zu leben, was er sagt.

MY MAT & ME: Deshalb soll er sich zurück nehmen?

Patricia Thielemann: Ja, der Schüler soll sich selber auf den Weg machen und über das körperliche Yoga die Antworten für sich finden. Der Yogalehrer sollte besser auf das zurückgreifen, was er kann – den Körper durch sinnvolle Übungen und korrekte Techniken unterstützen, um die emotional-geistige Ebene über den Körper positiv zu beeinflussen.

MY MAT & ME: Sind wir beim fünften Must-have – der Yogapraxis. Was muss der Lehrer drauf haben?

Patricia Thielemann: Er braucht natürlich das technische Wissen, wie Yogahaltungen physiologisch aufgebaut werden, wie sie gut tun, aber auch schaden können, welche energetische Wirkung sie haben und zudem muss er die Übungen quasi wie eine Rezeptur zu sinnvollen Abfolgen kreieren können. Außerdem muss er sowohl Asanas als auch ganze Klassen adaptieren können, um sie an unterschiedliche Bedürfnisse, Beschwerden oder auch Levels anpassen zu können. Und er muss seine Schüler auf unterschiedliche Wege ansprechen – durch Berührungen und Hilfestellungen, durch seine Sprache aber auch durch das korrekte Vormachen.

MY MAT & ME: Klingt nach einer Menge Know-how…

Patricia Thielemann: Ja, deshalb reichen schnelle Wochenend-Ausbildungen auch nicht. Es braucht schon eine fundiertere Ausbildung sowie die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit dem Yoga. Außerdem ein paar Jahre Unterrichtserfahrung – erst dann hat ein Yogalehrer sich frei gestrampelt und kann alle Unwägbarkeiten einer Yogaklasse souverän meistern.

Yoga ist reduziert auf einen leeren Raum, die Matte und den Yogalehrer

MY MAT & ME: Dazu gehört auch Mut, oder?

Patricia Thielemann: Sicher. Wenn man da vorne steht, sollte man mit sich selbst im Einklang sein. Schließlich erscheint alles, was man ist, fühlt und denkt, wie unter einem Mikroskop. Yoga ist reduziert auf einen leeren Raum, die Matte und den Lehrer, der zudem als Projektionsfläche erscheint. Ein Yogalehrer sollte sich immer auch als Mensch zeigen, eine Maske fällt dreifach auf.

MY MAT & ME: Yogalehrer haben immer so ein Wahnsinns-Charisma – kann man das lernen?

Patricia Thielemann: Charisma setzt sich für mich aus Authentizität, Leidenschaft, Klarheit und Seele zusammen. Das transportiert sich, wenn man keinen Yoga-Jargon abspult, sondern sich klar zu sich bekennt, für Yoga brennt, über ein offenes Herz und einen kühlen Kopf verfügt, regelmäßig Yoga praktiziert und sich mit Leib und Seele einbringt. Dann stimmt auch die Ausstrahlung.

Patricia Thielemann gründete Spirit Yoga 2004. Bevor sie ihr erstes Studio in Berlin eröffnete, unterrichtete sie in Los Angeles. Als Pionierin arbeitet Patricia an ihrem aufgeklärten, zupackenden und strukturierten Yogastil. Seit über einem Jahrzehnt prägt sie damit entscheidend die Identität des modernen Yoga im deutschsprachigen Raum und bildet erfolgreich Yogalehrer aus und weiter. Mehr zum Spirit Yoga Teacher Training findest du an der Spirit Yoga Academy.

Fotos: Nadja Klier & Simone Leuschner

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